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MI | 11.04.2012
UNESCO
Bis zu 600.000 Analphabeten
Experten schlagen Alarm: Bis zu 600.000 Österreicher jeden Alters können weder schreiben noch lesen, wird geschätzt, obwohl die offizielle Zahl 300.000 beträgt und aktuelle Daten fehlen.
"Bekämpfung hat Priorität"
Die Zahlen sind immer wieder die gleichen: In Österreich gibt es mehr als 300.000 funktionale Analphabeten, die Dunkelziffer liegt noch viel höher, schätzen Experten. "Wir machen seit Jahren die gleiche Presseaussendung", ärgerte sich die Generalsekretärin der österreichischen UNESCO-Kommission, Gabriele Eschig, am Mittwoch anlässlich des Weltalphabetisierungstags am 8. September.

Und man fordere immer wieder ohne Erfolg die Erstellung einer Studie über die genaue Zahl bzw. über die Ursachen dafür. Eines sei klar: "Die Bekämpfung des funktionalen Analphabetismus hat in Österreich keine Priorität - man braucht sich nur die Dotierung anschauen."
Puzzle von Buchstaben
Funktionale Analphabeten können "aus dem Puzzle von Buchstaben, aus denen ein Wort besteht, keinen Sinn bilden", beschrieb der Präsident der UNESCO-Kommission, Ex-Nationalbibliothek-Direktor Hans Marte, das Problem.

Damit können sie sich am gesellschaftlichen, politischen und wirtschaftlichen Leben kaum aktiv beteiligen. Betroffen seien vor allem Menschen aus unteren sozialen Schichten und Migranten - vor allem, wenn auch deren Eltern kaum schreiben und lesen können. Damit pflanze sich das Problem "exponentiell" fort, so Marte.
"Chefsache der Regierung"
Dieses Problem sei nicht nur ein "gesamtmenschliches, sondern auch ein gesamtwirtschaftliches", betonte Marte. "Wenn wir keine qualifizierten Migranten haben, sind unser Wohlstand und unser Sozialsystem gefährdet."

Daher solle das Problem Analphabetismus "zur Chefsache der Regierung" erklärt werden. Lehrer, die in den vergangenen Jahren freigesetzt worden seien, sollten in der Alphabetisierung eingesetzt werden.
Weltweit gelten laut UNESCO 860 Mio. Erwachsene als Analphabeten, ca. 600 Mio. davon allein in Ägypten, Bangladesh, Brasilien, China, Indien, Indonesien, Mexiko, Nigeria und Pakistan. In der EU geht man von 45 bis 90 Mio. Analphabeten aus.
"Defizite in der Bildungspolitik"
Eschig sieht Defizite in der Bildungspolitik. An den "normalen" Schulen würden Kinder und Jugendliche mit Lese- und Schreibschwächen weggewiesen und in Sonderschulen gesteckt. Außerdem gebe es kaum Möglichkeiten zur individuellen Förderung der Kinder.
Genaue Daten fehlen
Teil des Problems ist für Marte und Eschig das fehlende Datenmaterial. Zuletzt habe die OECD 1994 eine entsprechende Studie durchgeführt, an der Österreich aber nicht teilgenommen habe.
Die Zahlen für Österreich würden daher vor allem aus den deutschen Daten extrapoliert. Auch den Gründen für den Analphabetismus wird daher nicht nachgegangen.
PISA-Studie gab Aufschluss
Valide Daten gibt es aber aus der PISA-Studie: Gemäß der jüngsten Erhebung 2003 gehören 20 Prozent der 15- und 16-jährigen Schüler zur "Risikogruppe" der schlechten Leser. Laut Definition muss "bezweifelt werden, dass diese Schüler zum Verstehen alltäglicher, einfacher Texte ausreichend befähigt sind".

Sieben Prozent gehören der absolut schlechtesten Lese-Kompetenzgruppe an, 13 Prozent stehen nur eine Kompetenzstufe darüber.
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